... ist nicht etwa ein neuentdeckter Edgar-Wallace-Krimi, sondern vor allem eine viel zu oft vernachlässigte Möglichkeit der Anwendung von unmittelbarem Zwang.
Würgetechniken finden sich in vielen grapplingbezogenen Kampfsystemen wie z.B. Judo, BJJ, Submission Wrestling und den diversen sonstigen japanischen und westlichen Jiu-Jitsu-Stilen. Sie werden in Blutwürger und Luftwürger unterteilt. Blutwürger unterbrechen die Blutzufuhr zum Gehirn, indem sie die Blutgefäße an der Halsseite zusammendrücken, während Luftwürger die Luftröhre zusammendrücken und damit das Atmen erschweren bzw. verhindern.
Luftwürger haben den gravierenden Nachteil, daß durch den nötigen Druck auf die Halsvorderseite sehr leicht Verletzungen des Kehlkopfes und Halses hervorgerufen werden können. Weiterhin benötigen sie deutlich mehr Zeit, um wirksam zu werden, da das Gehirn des Gegners noch eine gewisse Zeit von dem bereits im Blutkreislauf enthaltenen Sauerstoff zehren kann, bevor eine Bewußtlosigkeit eintritt. Daher sind sie für eine polizeiliche Anwendung ungeeignet.
Blutwürger hingegen schlagen bei richtiger Anwendung deutlich schneller an und sind gesundheitlich grundsätzlich unbedenklich, sofern der Druck nach Eintreten der Bewußtlosigkeit nicht weiter aufrechterhalten wird. Die technischen Möglichkeiten, einen Blutwürger einzusetzen, sind vielfältig und reichen von Klassikern wie dem Rear Naked Choke/Mata Leao/Hadaka-jime über Würger unter Zuhilfenahme von Kleidungsstücken bis hin zu Beinwürgern wie dem Triangle Choke.
Auf der Matte sind Würger eine überaus potente Anwendung, die in den einschlägigen Zweikampfsportarten in einer Vielzahl von Wettkämpfen und Sparringsrunden die Entscheidung herbeigeführt haben. Für den interessierten Vollzugsbeamten sind sie allerdings auch im täglichen Dienst durchaus von Interesse. Ich habe in meiner bisherigen beruflichen Laufbahn bereits mehrfach die Erfahrung machen dürfen, daß Würger - bei entsprechender korrekter Anwendung - auch im polizeilichen Einsatz durchaus ihren verdienten Platz haben.
Ihr großer Vorteil gegenüber den im behördlichen Bereich gewöhnlich unterrichteten Kontrolltechniken wie Hebel oder Nervendrucktechniken liegt darin, daß sie nicht auf Schmerzempfinden angewiesen sind. Jeder Schutzmann weiß aus eigener vielfacher Erfahrung, daß man es immer wieder mit Kunden zu tun bekommt, die auf Schmerzreize nicht reagieren, weil ihr Schmerzempfinden durch Adrenalin und/oder Rauschmittel stark herabgesetzt worden ist. Ich habe erst vor wenigen Tagen im Einsatz mehrfach die angesetzten Hebel wieder aufgeben müssen, weil sie selbst an einem Punkt, an dem massive Gelenkschäden unmittelbar bevorstanden, keine Wirkung gezeigt haben.
Die (jedem Grapplingsportler vom Training her gut bekannte) Empfindung "Oh Scheiße, ich werde gewürgt und gleich gehen hier die Lichter aus" dringt meiner Erfahrung nach jedoch auch bei den zugedröhntesten Kandidaten durch und kann bei richtig dosierter Anwendung dazu genutzt werden, um dem Probanden die Sinnlosigkeit seines Tuns nachdrücklich vor Augen zu führen. "Angst essen Seele auf" ist ein hervorragender Motivator. Und im Extremfall bietet ein Würger natürlich auch die Möglichkeit, die Zielperson für einen Moment schlafenzulegen.
Disclaimer: ich propagiere nicht, jeden Widerständler umgehend abzuwürgen. Würgen will (wie alle körperlichen Fähigkeiten) gekonnt sein, und Training unter kompetenter Anleitung ist ein Muß. Weiterhin stellt es aufgrund der Funktionsweise einen deutlich schwerwiegenderen Eingriff als ein Hebel dar. Ich denke allerdings, daß die Tatsache, daß Würgen in der polizeipraktischen Grundausbildung der meisten Polizeien nicht unterrichtet wird, nicht dazu führen sollte, diese Option pauschal auszuschließen. Insofern stellt Würgen meiner Ansicht nach eine weitere mögliche Eskalationsstufe im Rahmen des Einsatzes von einfacher körperlicher Gewalt dar, wenn der Täter massiven Widerstand leistet, weniger einschneidende Techniken erfolglos bleiben UND der Anwender weiß, was er da tut.
Selbstverständlich taugt die Kenntnis von Würgetechniken nichts ohne die Fähigkeit, sie vorzubereiten, anzusetzen und zu verteidigen. "Position before submission" gilt nicht nur im Gym, und wer sich dieses Mittel im Einsatz zunutze machen möchte, sollte daher regelmäßig Trainingszeit in sein Grappling investieren... und mit guten Leuten rollen.
Happy Choking!!
P.S. Ich entschuldige mich bei allen meinen geschätzten Lesern für die einjährige Pause und gelobe Besserung...
Montag, 31. Januar 2011
Montag, 1. Februar 2010
Die unendliche Geschichte
... geht auch im neuen Jahr mit unvermindertem Tempo weiter. Am 27.01.10 bereitet sich ein kulinarisch wenig begabter Mann in Darmstadt sein Abendessen zu, was zu starker Rauchentwicklung führt und die Nachbarn die Feuerwehr rufen läßt. Nachdem der Meisterkoch die Feuerwehr nicht in die Wohnung läßt und sie mit einem Messer bedroht, nimmt sich die Polizei seiner an. Unser wackerer Bocuse-Jünger geht auf sie los und kassiert dafür eine Nase Pfefferspray. Da er den Unsinn seines Tuns immer noch nicht einsieht und weiter auf die eingesetzten Beamten losgeht, schießen sie auf ihn und treffen ihn in den Oberschenkel.
Ähnliches spielt sich wenige Tage später in Berlin ab. Am 31.01.10 wird eine Funkstreife in Kreuzberg zu einer Kneipe geschickt, in der ein Gast randaliert. Beim Eintreffen der Streifenbesatzung flüchtet der (offensichtlich mit dem Service deutlich unzufriedene) Gast nach draußen und richtet eine Schußwaffe auf die Beamten. Die schießen natürlich umgehend und verletzen den Täter am Bein.
Ich unterstelle den Beamten zumindest im zweiten Fall mal zu ihren Gunsten, daß sie den Täter eigentlich woanders treffen wollten und es unter Streß einfach nicht so ganz geklappt hat. Ich kann mir nämlich keinen validen Grund dafür vorstellen, warum man jemanden, der mit einer Schußwaffe droht, nur ins Bein schießen sollte. Schließlich geht es darum, eine möglichst sofortige Angriffsunfähigkeit herzustellen.
Ähnliches spielt sich wenige Tage später in Berlin ab. Am 31.01.10 wird eine Funkstreife in Kreuzberg zu einer Kneipe geschickt, in der ein Gast randaliert. Beim Eintreffen der Streifenbesatzung flüchtet der (offensichtlich mit dem Service deutlich unzufriedene) Gast nach draußen und richtet eine Schußwaffe auf die Beamten. Die schießen natürlich umgehend und verletzen den Täter am Bein.
Ich unterstelle den Beamten zumindest im zweiten Fall mal zu ihren Gunsten, daß sie den Täter eigentlich woanders treffen wollten und es unter Streß einfach nicht so ganz geklappt hat. Ich kann mir nämlich keinen validen Grund dafür vorstellen, warum man jemanden, der mit einer Schußwaffe droht, nur ins Bein schießen sollte. Schließlich geht es darum, eine möglichst sofortige Angriffsunfähigkeit herzustellen.
Dienstag, 26. Januar 2010
Was willst du mit dem Dolche, sprich?
"Die Stadt vom Tyrannen befreien", spricht der verhinderte Attentäter Möros in Schillers "Bürgschaft". Dieser junge Mann, der dadurch aufgefallen ist, daß er sich im Innenhof eines Frankfurter Krankenhauses lautstark mit seiner Begleiterin streitet, hat anscheinend keine passende Antwort auf diese Frage parat und entscheidet sich stattdessen, zunächst die besagte Dame und anschließend die beiden Polizeibeamten, die zum Streitschlichten entsandt werden, mit dem besagten Messer zu bedrohen. Diese taktische Fehlentscheidung trägt ihm eine tödliche Schußverletzung in der Brust ein.
Merke: meistens sind Streitigkeiten nur Streitigkeiten. Manchmal sind Streitigkeiten (ebenso wie Ruhestörungen, Ladendiebstähle und die ganzen anderen kleinen Alltagseinsätze, die jeder von uns ständig abarbeitet) aber auch nur ein fieses Feigenblatt, hinter dem die Vorsehung einen Haufen Ärger für alle Beteiligten verbirgt, und das man deswegen im Interesse eines gesunden Erreichens des Pensionsalters nur vorsichtig lüften sollte.
Glücklicherweise haben die eingesetzten Kollegen anscheinend genau das getan. Ich wünsche ihnen eine schnelle Einstellung des Ermittlungsverfahrens und viel Kraft, Ruhe und Unterstützung von ihren Familien, Freunden und Kollegen.
Merke: meistens sind Streitigkeiten nur Streitigkeiten. Manchmal sind Streitigkeiten (ebenso wie Ruhestörungen, Ladendiebstähle und die ganzen anderen kleinen Alltagseinsätze, die jeder von uns ständig abarbeitet) aber auch nur ein fieses Feigenblatt, hinter dem die Vorsehung einen Haufen Ärger für alle Beteiligten verbirgt, und das man deswegen im Interesse eines gesunden Erreichens des Pensionsalters nur vorsichtig lüften sollte.
Glücklicherweise haben die eingesetzten Kollegen anscheinend genau das getan. Ich wünsche ihnen eine schnelle Einstellung des Ermittlungsverfahrens und viel Kraft, Ruhe und Unterstützung von ihren Familien, Freunden und Kollegen.
Scheiterhaufen Reloaded
Hollywood macht es uns jedes Jahr vor: wenn etwas gut geworden ist und sich ordentlich verkauft, kommt zwangsläufig irgendein findiger Kopf auf die Idee "Das machen wir einfach nochmal". Ein toller Film, ein innovatives Drehbuch? Man sichere sich einfach die Rechte für einige Sequels, Prequels oder Was-auch-immer-für-quels, verpflichte den Star zu soundsovielen Folgeprojekten und werfe die Gelddruckmaschine an... solange, bis sich die Sache endgültig totgelaufen hat und niemand außer den knallharten Fans noch ins Kino geht.
Anscheinend gibt es auch unter Gewalttätern bestimmte Evergreens, die sich einfach nicht totlaufen. Vor anderthalb Jahren schrieb ich hier und hier über einen Vorfall in Bremen, bei dem eine Streifenbesatzung durch einen fingierten Notruf in einen Hinterhalt gelockt wurde, wo sie gemäß des Plans der später festgenommenen Täter mittels eines Molotowcocktails im Streifenwagen ermordet werden sollten. Glücklicherweise scheiterte das Vorhaben am Unvermögen der Täter.
Diese Idee scheint in gewissen Kreisen einen erheblichen Charme auszuüben. Letzte Woche unternahmen drei Täter in Greifswald einen praktisch deckungsgleichen Versuch. Die durch den fingierten Notruf ins Plattenbau-Ghetto gelockte Streife wurde bei Eintreffen sofort mit Molotowcocktails beworfen, die den Streifenwagen glücklicherweise verfehlten. Die Täter konnten wenig später nach umfangreichen Ermittlungen festgenommen werden. Einer von ihnen hat in seiner Vernehmung eine Tötungsabsicht eingeräumt. Er war vor kurzem erst aus der JVA entlassen worden.
Es liegt völlig jenseits meines Begriffshorizonts, wie jemand auf eine derartige Idee kommen kann. Andererseits überrascht es mich aber auch nicht wirklich. Unter all den Lektionen, die ich in meiner bisherigen dienstlichen Laufbahn lernen mußte, war die eindringlichste, häufigste und wichtigste Erkenntnis nämlich diejenige, daß polizeiliche Auffälligkeit und irrationales Verhalten regelmäßig korrelieren.
Auf Deutsch gesagt: je öfter jemand mit uns zu tun hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß er zu irgendeinem Zeitpunkt einen kompletten, aus unserer Perspektive nicht mal ansatzweise nachvollziehbaren Blödsinn bauen wird, dessen Folgen zwischen komisch und tragisch rangieren können.
Insofern möge der mündige Bürger, der einmal in zehn Jahren in eine Polizeikontrolle gerät und sich indigniert über unsere Eigensicherungsmaßnahmen zeigt, sich bitte mal eine Tatsache vor Augen halten: wir haben überwiegend mit einem Klientel zu tun, dessen Denkprozesse, Entscheidungen und Handlungen vielfach nicht mit normalen bürgerlichen Maßstäben gemessen werden können. Lieber Mitbürger, der sich immer berechenbar, friedlich und spielregelgemäß verhält: in unserer Welt, in der Welt der Blaulichtfahrten, der häuslichen Gewalt, der Raubüberfälle, Discoschlägereien und Einbrüche bist du nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Und wir können es uns nicht leisten, diese Verteilung außer Acht zu lassen.
Anscheinend gibt es auch unter Gewalttätern bestimmte Evergreens, die sich einfach nicht totlaufen. Vor anderthalb Jahren schrieb ich hier und hier über einen Vorfall in Bremen, bei dem eine Streifenbesatzung durch einen fingierten Notruf in einen Hinterhalt gelockt wurde, wo sie gemäß des Plans der später festgenommenen Täter mittels eines Molotowcocktails im Streifenwagen ermordet werden sollten. Glücklicherweise scheiterte das Vorhaben am Unvermögen der Täter.
Diese Idee scheint in gewissen Kreisen einen erheblichen Charme auszuüben. Letzte Woche unternahmen drei Täter in Greifswald einen praktisch deckungsgleichen Versuch. Die durch den fingierten Notruf ins Plattenbau-Ghetto gelockte Streife wurde bei Eintreffen sofort mit Molotowcocktails beworfen, die den Streifenwagen glücklicherweise verfehlten. Die Täter konnten wenig später nach umfangreichen Ermittlungen festgenommen werden. Einer von ihnen hat in seiner Vernehmung eine Tötungsabsicht eingeräumt. Er war vor kurzem erst aus der JVA entlassen worden.
Es liegt völlig jenseits meines Begriffshorizonts, wie jemand auf eine derartige Idee kommen kann. Andererseits überrascht es mich aber auch nicht wirklich. Unter all den Lektionen, die ich in meiner bisherigen dienstlichen Laufbahn lernen mußte, war die eindringlichste, häufigste und wichtigste Erkenntnis nämlich diejenige, daß polizeiliche Auffälligkeit und irrationales Verhalten regelmäßig korrelieren.
Auf Deutsch gesagt: je öfter jemand mit uns zu tun hat, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß er zu irgendeinem Zeitpunkt einen kompletten, aus unserer Perspektive nicht mal ansatzweise nachvollziehbaren Blödsinn bauen wird, dessen Folgen zwischen komisch und tragisch rangieren können.
Insofern möge der mündige Bürger, der einmal in zehn Jahren in eine Polizeikontrolle gerät und sich indigniert über unsere Eigensicherungsmaßnahmen zeigt, sich bitte mal eine Tatsache vor Augen halten: wir haben überwiegend mit einem Klientel zu tun, dessen Denkprozesse, Entscheidungen und Handlungen vielfach nicht mit normalen bürgerlichen Maßstäben gemessen werden können. Lieber Mitbürger, der sich immer berechenbar, friedlich und spielregelgemäß verhält: in unserer Welt, in der Welt der Blaulichtfahrten, der häuslichen Gewalt, der Raubüberfälle, Discoschlägereien und Einbrüche bist du nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Und wir können es uns nicht leisten, diese Verteilung außer Acht zu lassen.
Dienstag, 5. Januar 2010
Auge um Auge
Live by the sword - die by the sword, heißt es in dem altenglischen, aus dem Matthäus-Evangelium entlehnten Sprichwort. Diese Weisheit gibt es natürlich auch im Deutschen in vielerlei Vaianten, aber sie klingt dort einfach nicht so schön eingängig.
Oftmals sucht man diese Form von poetischer Gerechtigkeit ja leider vergebens. Dieses Jahr hat es der Vorsehung, dem Schicksal, dem Universum oder wem auch immer aber zu Silvester mal wieder gefallen, auf nachdrückliche und unmißverständliche Weise klarzustellen, daß jegliche (unüberlegte) Handlung ihre Konsequenzen hat.
Der sechzehnjährige Ibrahim O. fährt zum Feiern nach Hamburg und gießt sich ordentlich was vom "Wein, der Vergessen schenkt" auf die Lampe. Offensichtlich führt das dazu, daß er vollkommen vergißt, daß Messer im allgemeinen eine scharfe Spitze haben und sich mit empfindlichen Materialien nicht gut vertragen
Als Ibrahim O. nämlich in einen Streit mit einem anderen jungen Mann gerät, zieht er sein Butterfly-Messer und bedroht damit seinen Kontrahenten. Der ist anscheinend von einem deutlich clevereren Schlag als unser gutbewaffneter Großstadtkrieger, denn er verdrückt sich umgehend. Allerdings kann der Sieger dieses spannungsgeladenen Duells seinen Triumph nur kurzzeitig genießen, denn wenige Sekunden später rutscht er aus, fällt zu Boden und rammt sich selbst das Messer bis zum Anschlag ins linke Auge. Er liegt gegenwärtig nach einer Not-OP im künstlichen Koma.
Ich gebe zu, daß mich meine Meinung zu diesem Vorfall vermutlich zu einem ziemlich unempathischen Menschen macht. Ich habe nämlich laut losgelacht. So tragisch es für einen jungen Menschen auch sein mag, ein Auge zu verlieren (und womöglich noch mehr, falls die Verletzungen schwerwiegender sind)... nach einer ganzen Reihe von Jahren als Polizist auf der Straße und der Aufnahme von unzähligen vollkommen unnötigen und sinnlosen Schlägereien, Messerstechereien und Bedrohungen, die aus Alkohol, schwachsinnigen Ehrbegriffen und nitroglycerinartigem Temperament der Beteiligten resultierten, ist jegliches Mitleid für jemanden, der aus ebendiesen Motiven eine Waffe gegen seine Mitmenschen richtet und dabei selbst zu Schaden kommt, bei mir aufgebraucht.
Insofern bleibt mir nichts mehr zu sagen als "Selbst schuld, du Held". Leider ändert die Geschichte von Ibrahim O. nicht das Geringste an der Tatsache, daß auf Deutschlands Straßen zehntausende junge Männer von Ibrahim O.'s Kaliber herumlaufen, die uns auch morgen, übermorgen und nächste Woche Schwierigkeiten aller Art bereiten, Sachen kaputtmachen und Menschen verletzen werden.
Oftmals sucht man diese Form von poetischer Gerechtigkeit ja leider vergebens. Dieses Jahr hat es der Vorsehung, dem Schicksal, dem Universum oder wem auch immer aber zu Silvester mal wieder gefallen, auf nachdrückliche und unmißverständliche Weise klarzustellen, daß jegliche (unüberlegte) Handlung ihre Konsequenzen hat.
Der sechzehnjährige Ibrahim O. fährt zum Feiern nach Hamburg und gießt sich ordentlich was vom "Wein, der Vergessen schenkt" auf die Lampe. Offensichtlich führt das dazu, daß er vollkommen vergißt, daß Messer im allgemeinen eine scharfe Spitze haben und sich mit empfindlichen Materialien nicht gut vertragen
Als Ibrahim O. nämlich in einen Streit mit einem anderen jungen Mann gerät, zieht er sein Butterfly-Messer und bedroht damit seinen Kontrahenten. Der ist anscheinend von einem deutlich clevereren Schlag als unser gutbewaffneter Großstadtkrieger, denn er verdrückt sich umgehend. Allerdings kann der Sieger dieses spannungsgeladenen Duells seinen Triumph nur kurzzeitig genießen, denn wenige Sekunden später rutscht er aus, fällt zu Boden und rammt sich selbst das Messer bis zum Anschlag ins linke Auge. Er liegt gegenwärtig nach einer Not-OP im künstlichen Koma.
Ich gebe zu, daß mich meine Meinung zu diesem Vorfall vermutlich zu einem ziemlich unempathischen Menschen macht. Ich habe nämlich laut losgelacht. So tragisch es für einen jungen Menschen auch sein mag, ein Auge zu verlieren (und womöglich noch mehr, falls die Verletzungen schwerwiegender sind)... nach einer ganzen Reihe von Jahren als Polizist auf der Straße und der Aufnahme von unzähligen vollkommen unnötigen und sinnlosen Schlägereien, Messerstechereien und Bedrohungen, die aus Alkohol, schwachsinnigen Ehrbegriffen und nitroglycerinartigem Temperament der Beteiligten resultierten, ist jegliches Mitleid für jemanden, der aus ebendiesen Motiven eine Waffe gegen seine Mitmenschen richtet und dabei selbst zu Schaden kommt, bei mir aufgebraucht.
Insofern bleibt mir nichts mehr zu sagen als "Selbst schuld, du Held". Leider ändert die Geschichte von Ibrahim O. nicht das Geringste an der Tatsache, daß auf Deutschlands Straßen zehntausende junge Männer von Ibrahim O.'s Kaliber herumlaufen, die uns auch morgen, übermorgen und nächste Woche Schwierigkeiten aller Art bereiten, Sachen kaputtmachen und Menschen verletzen werden.
Mittwoch, 30. Dezember 2009
Luxusresort
Als solches scheint der eine oder andere mündige Bürger meine Dienststelle anzusehen. Warum das so ist, liegt deutlich jenseits meines Begriffshorizonts. Immerhin sind die Räumlichkeiten, in denen Besucher unseres gastlichen Hauses untergebracht werden, doch eher beengt. Außerdem beschränkt sich das Mobiliar auf eine gemauerte Pritsche, die Bewohner der Nachbarsuiten machen abwechselnd durch brüllende Tobsuchtsanfälle und minutenlanges An-die-Tür-Trommeln auf sich aufmerksam, und das Animationsprogramm besteht aus - nun ja, aus uns eben.
Trotz alledem treffe ich auf Schritt und Tritt irgendwelche Kunden von uns, die solange durch Wort und Tat ihren sehnlichen Wunsch nach Unterbringung in unseren heiligen Hallen ausdrücken, bis wir diesem nachkommen. Meistens beginnt es als vollkommene Banalität und entwickelt sich dann weiter bis hin zu einer ausgewachsenen Forderung.
Da klingele ich z.B. an der Wohnungstür eines "Klienten", um ihn höflich darauf hinzuweisen, daß das lautstarke Abspielen von Punkrock an einem Sonntagabend kurz vor Mitternacht nur bedingt mit gutnachbarschaftlichem Verhalten vereinbar ist. Sein verwirrter Blick signalisiert mir, daß ihm das Konzept des Montag-morgens-früh-Aufstehen-Müssens etwa so fremd ist wie mir die Heiratsriten der Inuit. Offensichtlich müssen wir einen äußerst sympathischen Eindruck gemacht haben, denn kaum sind wir wieder zwei Treppenstiegen entfernt, signalisiert der Musikfreund uns durch erneutes Aufdrehen der Lautstärke, daß er sich gerne weiter mit uns unterhalten möchte.
Selbstverständlich kommen wir dem Wunsch unverzüglich nach. Immerhin ist das verkannte DJ-Genie ein Steuerzahler (wie einer seiner Gäste nicht müde wird, uns zu erklären). Ich kann mir die Feststellung nicht verkneifen, daß das gezahlte Steuervolumen hier wohl in erster Linie aus der Branntweinsteuer stammt, was mir durch eifriges Kopfnicken (und eine Fahne, die einen Grizzly umhauen würde) bestätigt wird.
Wir erklären die Party für beendet, komplimentieren Deutschlands Zukunft unter Protest des Gastgebers hinaus und verteilen freigebig Platzverweise. Offensichtlich sind wir den Jungs aber derart sympathisch, daß sie gar nicht daran denken, sich nach Hause zu verdrücken, sondern trotz Minusgraden in einiger Entfernung um das Haus herumlungern und uns von Zeit zu Zeit mit verbalen Bekundungen ihrer Zuneigung bedenken.
Nun reicht es mir und ich biete eine Übernachtung bei uns an. Murrend macht sich die wandelnde Sozialsystembelastung auf die Socken, wobei sie ein freundliches Geleit durch einige Kollegen erhalten. Doch kaum haben wir uns entfernt, um unser Batmobil zu holen, entscheidet man sich spontan, mein zuvorkommendes Angebot doch anzunehmen, indem man den Kollegen ein freundschaftliches Rugbymatch aufnötigt.
Anscheinend hat man dabei aber vergessen, daß die Regeln des International Rugby Board kein Pfefferspray zulassen. Macht aber nichts, denn der mißglücktes Versuch, gleichzeitig volltrunken auf dem Fahrrad zu fahren und eine Kollegin einzusprühen, erntet dem Ausnahmesportler intimen Kontakt mit dem Diensthund, während sein Teamkamerad nach einem ziemlich mißglückten Tackleversuch unter drei wohlgenährten Schutzleuten begraben wird. Zwei Blutprobenentnahmen und Ingewahrsamnahmen später darf ich mich hinsetzen und zwei Stunden damit zubringen, den Papierkram zu sortieren.
Liebe Leute, wenn ihr so wild darauf seid, eine Nacht in einem nach Urin und Desinfektionsmittel stinkenden Keller zuzubringen und dafür einen nicht ganz geringen Anteil eures Hartz-IV-Geldes per Polizeikostenrechnung abzudrücken, entscheidet euch doch nächstes Mal bitte etwas schneller. Wir hätten nämlich durchaus bessere Verwendung für die Stunden, die wir damit zugebracht haben, mit euch Ringelpiez mit Anfassen zwischen den Sozialblöcken zu spielen. Zum Beispiel könnten wir etwas für die Leute tun, die tatsächlich Steuern zahlen, anstatt uns mit schwachsinnigen, fruchtlosen und vollkommen sinnfreien Sachverhalten wie eurem herumzuärgern.
Obwohl... womöglich führt die Kostenrechnung und Geldstrafe ja in letzter Konsequenz dazu, daß ihr wegen Nichtzahlung in Erzwingungshaft geht. Das hätte zumindest den Vorteil, daß der Rest der Welt wenigstens für eine gewisse Zeit von euch verschont bleibt.
Trotz alledem treffe ich auf Schritt und Tritt irgendwelche Kunden von uns, die solange durch Wort und Tat ihren sehnlichen Wunsch nach Unterbringung in unseren heiligen Hallen ausdrücken, bis wir diesem nachkommen. Meistens beginnt es als vollkommene Banalität und entwickelt sich dann weiter bis hin zu einer ausgewachsenen Forderung.
Da klingele ich z.B. an der Wohnungstür eines "Klienten", um ihn höflich darauf hinzuweisen, daß das lautstarke Abspielen von Punkrock an einem Sonntagabend kurz vor Mitternacht nur bedingt mit gutnachbarschaftlichem Verhalten vereinbar ist. Sein verwirrter Blick signalisiert mir, daß ihm das Konzept des Montag-morgens-früh-Aufstehen-Müssens etwa so fremd ist wie mir die Heiratsriten der Inuit. Offensichtlich müssen wir einen äußerst sympathischen Eindruck gemacht haben, denn kaum sind wir wieder zwei Treppenstiegen entfernt, signalisiert der Musikfreund uns durch erneutes Aufdrehen der Lautstärke, daß er sich gerne weiter mit uns unterhalten möchte.
Selbstverständlich kommen wir dem Wunsch unverzüglich nach. Immerhin ist das verkannte DJ-Genie ein Steuerzahler (wie einer seiner Gäste nicht müde wird, uns zu erklären). Ich kann mir die Feststellung nicht verkneifen, daß das gezahlte Steuervolumen hier wohl in erster Linie aus der Branntweinsteuer stammt, was mir durch eifriges Kopfnicken (und eine Fahne, die einen Grizzly umhauen würde) bestätigt wird.
Wir erklären die Party für beendet, komplimentieren Deutschlands Zukunft unter Protest des Gastgebers hinaus und verteilen freigebig Platzverweise. Offensichtlich sind wir den Jungs aber derart sympathisch, daß sie gar nicht daran denken, sich nach Hause zu verdrücken, sondern trotz Minusgraden in einiger Entfernung um das Haus herumlungern und uns von Zeit zu Zeit mit verbalen Bekundungen ihrer Zuneigung bedenken.
Nun reicht es mir und ich biete eine Übernachtung bei uns an. Murrend macht sich die wandelnde Sozialsystembelastung auf die Socken, wobei sie ein freundliches Geleit durch einige Kollegen erhalten. Doch kaum haben wir uns entfernt, um unser Batmobil zu holen, entscheidet man sich spontan, mein zuvorkommendes Angebot doch anzunehmen, indem man den Kollegen ein freundschaftliches Rugbymatch aufnötigt.
Anscheinend hat man dabei aber vergessen, daß die Regeln des International Rugby Board kein Pfefferspray zulassen. Macht aber nichts, denn der mißglücktes Versuch, gleichzeitig volltrunken auf dem Fahrrad zu fahren und eine Kollegin einzusprühen, erntet dem Ausnahmesportler intimen Kontakt mit dem Diensthund, während sein Teamkamerad nach einem ziemlich mißglückten Tackleversuch unter drei wohlgenährten Schutzleuten begraben wird. Zwei Blutprobenentnahmen und Ingewahrsamnahmen später darf ich mich hinsetzen und zwei Stunden damit zubringen, den Papierkram zu sortieren.
Liebe Leute, wenn ihr so wild darauf seid, eine Nacht in einem nach Urin und Desinfektionsmittel stinkenden Keller zuzubringen und dafür einen nicht ganz geringen Anteil eures Hartz-IV-Geldes per Polizeikostenrechnung abzudrücken, entscheidet euch doch nächstes Mal bitte etwas schneller. Wir hätten nämlich durchaus bessere Verwendung für die Stunden, die wir damit zugebracht haben, mit euch Ringelpiez mit Anfassen zwischen den Sozialblöcken zu spielen. Zum Beispiel könnten wir etwas für die Leute tun, die tatsächlich Steuern zahlen, anstatt uns mit schwachsinnigen, fruchtlosen und vollkommen sinnfreien Sachverhalten wie eurem herumzuärgern.
Obwohl... womöglich führt die Kostenrechnung und Geldstrafe ja in letzter Konsequenz dazu, daß ihr wegen Nichtzahlung in Erzwingungshaft geht. Das hätte zumindest den Vorteil, daß der Rest der Welt wenigstens für eine gewisse Zeit von euch verschont bleibt.
Montag, 28. Dezember 2009
Und es geht weiter
In der Nacht zum Heiligabend überfallen drei maskierte Männer eine Tankstelle in Leimen bei Heidelberg. Auf der Flucht werden sie unweit des Tatorts von einer Streife gesichtet und verfolgt. Einer der Täter gibt mehrere Schüsse in Richtung der Beamten ab, die zurückschießen und ihn zweimal treffen. Der getroffene Täter verstirbt noch vor Ort, seine beiden Komplizen werden wenig später festgenommen. Sie räumen ein, für etliche weitere Raubtaten der jüngsten Vergangenheit verantwortlich zu sein. Die Tatwaffe stellt sich als Schreckschußpistole heraus.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag rufen Anwohner in Hamburg-Barmbek die Polizei, weil ein psychisch kranker Nachbar in seiner Wohnung randaliert und Möbel zertrümmert. Nachdem auf Klingeln und Klopfen nicht reagiert wird, brechen die eingesetzten Beamten die Tür auf und betreten die Wohnung, um eine Eigengefährdung des Verursachers auszuschließen. Sie werden sofort von dem Bewohner mit einem Messer angegriffen. Nachdem ein Pfeffersprayeinsatz keine Wirkung zeigt, gibt derjenige Beamte, dem der Angriff unmittelbar gilt, drei Schüsse ab, die den Täter in den Oberkörper und Arm treffen. Der Täter verstirbt noch vor Ort.
Beim Lesen dieser Meldungen mußte ich an zwei Dinge denken. Zum einen ist mir wieder einmal bewußt geworden, wie sehr die subjektive Wahrnehmung vieler Kollegen ("So was wird mir schon nicht passieren, die Chance ist doch minimal") und die tatsächliche Faktenlage (polizeilicher Schußwaffengebrauch ist bundesweit gesehen ein regelmäßiges und keinesfalls übermäßig seltenes Vorkommmnis). voneinander differieren. Tatsächlich belegen die Zahlen der vergangenen zehn Jahre, daß jedes Jahr in ca. 30 - 80 Fällen die Dienstwaffe gegen Personen eingesetzt wird (Quelle: Prof. Clemens Lorei).
Wenn man voraussetzt, daß von den etwa 266.000 Polizeibeamten in Deutschland grob geschätzt etwa 80.000 im Streifendienst tätig sind (dessen Angehörige in aller Regel diejenigen sind, die in die Situation kommen, ihre Dienstwaffe tatsächlich benutzen zu müssen), ergibt das eine ungefähre Wahrscheinlichkeit von 1:1800 pro Jahr (!!) für den einzelnen Beamten. Wenn ich beim Lotto eine vergleichbare Chance auf den Hauptgewinn hätte, würde ich vermutlich jede Woche zum Kiosk rennen und einen Schein ausfüllen.
Der zweite Gedanke, der mich beschäftigt, ist die Überlegung, daß ein nicht geringer Teil dieser Schußwaffeneinsätze (nämlich gegen Personen, die mit Messern oder sonstigen Kontaktwaffen bewaffnet waren) womöglich hätte vermieden werden können, wenn den Einsatzkräften ein Taser zur Verfügung gestanden hätte. Selbstverständlich ist auch ein Taser kein Allheilmittel für alle Einsatzlagen. Er eröffnet aber Möglichkeiten, einen Täter, der aufgrund von Bewaffnung, körperlicher Statur oder sonstigen Umständen mit herkömmlichen nichttödlichen Einsatzmitteln nicht ohne unzumutbares Risiko für die eingesetzten Kräfte festgenommen werden kann, zu überwältigen, ohne dessen Gesundheit über Gebühr zu gefährden.
Derzeit ist der Taser nur bei diversen SEK und MEK in Gebrauch. Diese Einheiten werden aber in aller Regel nur bei Lagen eingesetzt, in denen im Vorfeld bereits Hinweise auf eine Bewaffnung des Täters vorliegen, können zwangsläufig erst erheblich später am Einsatzort eintreffen als der örtliche Streifendienst, und stehen für Soforteinsätze wie die erwähnten Vorfälle in Hamburg und Regensburg insofern nicht zur Verfügung.
Die Ausstattung des Streifendienstes mit dem Taser ist in Deutschland bisher aus verschiedenen. überwiegend politischen Gründen verworfen worden. Ursächlich dafür waren vor allem negative "media coverage" von Tasereinsätzen in den USA, bei denen es zu einigen Todesfällen kam, deren Hintergrund und Ursache bis dato noch weitgehend ungeklärt sind. Ich vermute allerdings, daß die Ansicht derjenigen, die eine flächendeckende Einführung des Tasers befürworten, sich mittelfristig durchsetzen wird, wie sie das auch in anderen Ländern getan hat.
Die Frage ist vielmehr, wieviele Menschenleben noch verlorengehen müssen, bis unsere gewählten Vertreter sich zu der Einsicht durchringen, daß wir ein zusätzliches Einsatzmittel benötigen, das zwischen Schlagstock/Pfefferspray und Schußwaffe angesiedelt ist.
Am zweiten Weihnachtsfeiertag rufen Anwohner in Hamburg-Barmbek die Polizei, weil ein psychisch kranker Nachbar in seiner Wohnung randaliert und Möbel zertrümmert. Nachdem auf Klingeln und Klopfen nicht reagiert wird, brechen die eingesetzten Beamten die Tür auf und betreten die Wohnung, um eine Eigengefährdung des Verursachers auszuschließen. Sie werden sofort von dem Bewohner mit einem Messer angegriffen. Nachdem ein Pfeffersprayeinsatz keine Wirkung zeigt, gibt derjenige Beamte, dem der Angriff unmittelbar gilt, drei Schüsse ab, die den Täter in den Oberkörper und Arm treffen. Der Täter verstirbt noch vor Ort.
Beim Lesen dieser Meldungen mußte ich an zwei Dinge denken. Zum einen ist mir wieder einmal bewußt geworden, wie sehr die subjektive Wahrnehmung vieler Kollegen ("So was wird mir schon nicht passieren, die Chance ist doch minimal") und die tatsächliche Faktenlage (polizeilicher Schußwaffengebrauch ist bundesweit gesehen ein regelmäßiges und keinesfalls übermäßig seltenes Vorkommmnis). voneinander differieren. Tatsächlich belegen die Zahlen der vergangenen zehn Jahre, daß jedes Jahr in ca. 30 - 80 Fällen die Dienstwaffe gegen Personen eingesetzt wird (Quelle: Prof. Clemens Lorei).
Wenn man voraussetzt, daß von den etwa 266.000 Polizeibeamten in Deutschland grob geschätzt etwa 80.000 im Streifendienst tätig sind (dessen Angehörige in aller Regel diejenigen sind, die in die Situation kommen, ihre Dienstwaffe tatsächlich benutzen zu müssen), ergibt das eine ungefähre Wahrscheinlichkeit von 1:1800 pro Jahr (!!) für den einzelnen Beamten. Wenn ich beim Lotto eine vergleichbare Chance auf den Hauptgewinn hätte, würde ich vermutlich jede Woche zum Kiosk rennen und einen Schein ausfüllen.
Der zweite Gedanke, der mich beschäftigt, ist die Überlegung, daß ein nicht geringer Teil dieser Schußwaffeneinsätze (nämlich gegen Personen, die mit Messern oder sonstigen Kontaktwaffen bewaffnet waren) womöglich hätte vermieden werden können, wenn den Einsatzkräften ein Taser zur Verfügung gestanden hätte. Selbstverständlich ist auch ein Taser kein Allheilmittel für alle Einsatzlagen. Er eröffnet aber Möglichkeiten, einen Täter, der aufgrund von Bewaffnung, körperlicher Statur oder sonstigen Umständen mit herkömmlichen nichttödlichen Einsatzmitteln nicht ohne unzumutbares Risiko für die eingesetzten Kräfte festgenommen werden kann, zu überwältigen, ohne dessen Gesundheit über Gebühr zu gefährden.
Derzeit ist der Taser nur bei diversen SEK und MEK in Gebrauch. Diese Einheiten werden aber in aller Regel nur bei Lagen eingesetzt, in denen im Vorfeld bereits Hinweise auf eine Bewaffnung des Täters vorliegen, können zwangsläufig erst erheblich später am Einsatzort eintreffen als der örtliche Streifendienst, und stehen für Soforteinsätze wie die erwähnten Vorfälle in Hamburg und Regensburg insofern nicht zur Verfügung.
Die Ausstattung des Streifendienstes mit dem Taser ist in Deutschland bisher aus verschiedenen. überwiegend politischen Gründen verworfen worden. Ursächlich dafür waren vor allem negative "media coverage" von Tasereinsätzen in den USA, bei denen es zu einigen Todesfällen kam, deren Hintergrund und Ursache bis dato noch weitgehend ungeklärt sind. Ich vermute allerdings, daß die Ansicht derjenigen, die eine flächendeckende Einführung des Tasers befürworten, sich mittelfristig durchsetzen wird, wie sie das auch in anderen Ländern getan hat.
Die Frage ist vielmehr, wieviele Menschenleben noch verlorengehen müssen, bis unsere gewählten Vertreter sich zu der Einsicht durchringen, daß wir ein zusätzliches Einsatzmittel benötigen, das zwischen Schlagstock/Pfefferspray und Schußwaffe angesiedelt ist.
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