Mittwoch, 14. Januar 2009

Fighting Handgun

Neulich trudelte endlich das Päckchen aus den USA mit meiner neuesten DVD-Erwerbung ein: "Fighting Handgun Vol. 1" von und mit Craig "SouthNarc" Douglas. Als jemand, der grundsätzlich nicht viel davon hält, nach Videos zu trainieren, war ich naturgemäß zuerst etwas mißtrauisch.

Glücklicherweise durfte ich feststellen, daß diese DVD sich als eine äußerst sinnvolle Investition herausstellte. Übergreifendes Thema der DVD ist der taktische Einsatz der Kurzwaffe auf den relevanten Entfernungen ab Kontaktdistanz aufwärts. Craig Douglas selbst ist Polizeibeamter mit langjähriger Dienst- und Einsatzerfahrung in verschiedenen Verwendungen (u.a. Scheinkäufer/verdeckter Ermittler im BTM-Bereich und SWAT-Angehöriger) und hat sich mit ebendiesem Thema in Training und Praxis langjährig und intensiv auseinandergesetzt.

Grundlage und Mittelpunkt von Douglas' Trainingsansatz ist der Aufbau und die sinnvolle Gestaltung des Ziehvorgangs, da die hierbei entwickelten motorischen Fähigkeiten maßgeblichen Einfluß darauf ausüben, wie schnell der Anwender seine Waffe ins Spiel bringt und wie sicher und präzise er aus dem Ziehen, aber auch aus anderen Bewegungen heraus das Ziel aufnimmt und trifft. Die Erläuterung und der Schritt für Schritt erfolgende Aufbau einer effektiven Ziehbewegung nimmt einen großen Teil der Laufzeit der DVD ein.

Aufgrund der zentralen Rolle des Ziehvorgangs in der Trainingsmethodik und dem Einsatzkonzept legt Douglas großen Wert darauf, ihn so zu gestalten, daß er möglichst "multifunktional" ist, d.h. daß ein und derselbe Bewegungskomplex bzw. Teile desselben für die Handhabung und den Einsatz der Waffe auf allen Distanzen verwendet werden und alle Waffenhaltungen und Schießpositionen sich logisch aus seinem Verlauf heraus ergeben. Dadurch wird gewährleistet, daß die gesamte Motorik der Waffenhandhabung einem einzigen übergeordneten Prinzip folgt, und nicht unterschiedliche geartete oder sogar gegensätzliche Bewegungen für unterschiedliche Aufgaben trainiert werden.

Nachdem die Ziehbewegung umfassend und bis ins Detail erläutert worden ist, stellt Douglas dar, welche Einsatzmöglichkeiten sich daraus für die verschiedenen Distanzen ergeben, und bietet eine logische Progression aus immer anspruchsvoller werdenden Übungen für den scharfen Schuß an. Besonderes Gewicht legt er dabei auf die Schußabgabe auf Kontaktdistanz, deren Komplexität sich aus der Schwierigkeit ergibt, einen Fremdzugriff auf die Waffe zu verhindern, sich gegen Einwirkung durch den Täter zu schützen, im Clinch nicht die eigenen Gliedmaßen zu treffen und trotzdem eine konsistente und wiederholbare Trefferlage zu gewährleisten.

Hieran anknüpfend thematisiert Douglas in den letzten Kapiteln die nahtlose Einbindung von Nahkampftechniken und Deckungs- und Abwehrverhalten in die Waffenhandhabung und den Einsatz der Schußwaffe im Rahmen einer körperlichen Auseinandersetzung bis hin zum Bodenkampf. In diesem Zusammenhang wird deutlich, daß er nicht "nur" reines Waffentraining vermittelt, sondern aufgrund seines umfangreichen kampfsportlichen Backgrounds in etlichen Disziplinen eine integrative, ganzheitliche Vermittlung von sinnvollem Kampfverhalten mit und ohne Waffen präsentieren kann.

"Tote" Partnerübungen, in denen ein Partner nach einem alibihalber vorgetragenen Einzelangriff stehenbleibt und eine halbe Minute lang den unbeweglichen Dummy für eine Myriade an filigranen Kontertechniken spielt, sucht man hier vergebens... ebenso wie Wohlfühl-Flowdrills oder sonstige abgesprochene Koordinationsspielchen. Stattdessen werden die vermittelten Konzepte von Douglas aus lebendige Weise mit einem Widerstand leistenden und selbständig agierenden Partner vorgeführt. Es ist gut zu erkennen, daß es hier um robuste und funktionelle Sachen geht, die im Gegensatz zu vielen anderen SV-Konzepten nicht auf ein kooperatives "Opfer" angewiesen sind, sondern bei entsprechendem Training auch in einer freien "Sparringsumgebung" funktionieren, in der gleichberechtigt ausgeteilt und eingesteckt wird.

Insgesamt gesehen stellt diese DVD eine empfehlenswerte Bereicherung für jede "taktische Bibliothek" dar. Sie spricht grundsätzlich sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene an, eignet sich aufgrund der anspruchsvollen Thematik allerdings eher für Leute, die bereits einige Grundkenntnisse in den Bereichen Schießen und Einsatztraining/Kampfsport haben. "Fighting Handgun" sticht durch den stringenten konzeptionellen Aufbau und den integrativen Ansatz aus der Masse der Literatur zum Thema Schießtraining/taktische Ausbildung deutlich hervor und bietet insbesondere wertvolle Anregungen für die sinnvolle Verknüpfung von Waffenhandhabung und körperlichen Abwehr- und Zugriffstechniken.

"Fighting Handgun Vol. 1" hat eine Laufzeit von 103 Minuten und kann über MD Tactical zum Preis von 65,- US$ (inkl. Versand) bezogen werden. Die Lieferzeit beträgt etwa drei bis vier Wochen.

Mittwoch, 7. Januar 2009

One-shot stop

Ich bin seinerzeit während meiner Polizeiausbildung noch in den Genuß gekommen, im Winter bei frostigen Temperaturen auf einem Freiluftschießstand der Bundeswehr auf die üblichen Pappziele zu schießen... Quadrate, Kreise, Dreiecke und Bögen. Auszuschließen ist es immerhin nicht, daß man im Rahmen der polizeilichen Tätigkeit mal irgendwann von einem solchen angegriffen wird.

Da wir uns mittlerweile im 21. Jahrhundert befinden, hat bei den meisten Polizeidienststellen mittlerweile die moderne Raumschießanlage mit Beamer und diversen Videodarstellungen Einzug gehalten. Man kann böse Menschen in interaktiven Filmen auf einer Großleinwand umnieten, die je nach Knöpfchendrücken des Schießausbilders unterschiedlich reagieren, und die anatomisch korrekt umfallen, wenn man sie trifft. Sämtliche Treffer werden per Infrarotlicht registriert und sofort angezeigt. Man kann allerdings auch nach wie vor auf Kreise, Dreiecke, Quadrate und Bögen schießen, wenn man nostalgisch veranlagt ist oder wenn man (wie ich) der Meinung ist, daß interaktive Szenarien mit "lebenden" Gegenübern lieber in 3D mit FX-Waffen beim Einsatztraining gemacht werden sollen, und daß die Zeit auf dem Schießstand lieber für sinnvolles und qualitativ hochwertiges Techniktraining genutzt werden sollte.

Was sich leider trotz guter technischer Ausstattung nicht geändert hat, sind die Ansichten und Erwartungen bezüglich dessen, was denn passiert, wenn man wirklich mit einer Kurzwaffe auf einen Menschen schießt. Mittlerweile gehört es immerhin zumindest zur gängigen polizeilichen Trainingsdoktrin, daß im Falle eines Schußwaffengebrauchs so lange weitergeschossen wird, bis entweder beim Täter eine sichtbare Angriffsunfähigkeit eintritt oder der Täter von einer Fortführung des Angriffs absieht. Die Frage, die sich an diesem Punkt stellt, ist allerdings, wie schnell eine derartige Stoppwirkung tatsächlich zu erreichen ist.

Tatsächlich scheinen immer noch viele Leute in Polizeikreisen davon auszugehen, daß dies bereits beim ersten Treffer in einen vitalen Bereich der Fall sein wird. Diese Haltung wird im Schießtraining unterbewußt noch dadurch verstärkt, daß sämtliche Zieldarstellungen aufgrund der Programmierung der Anlage bereits nach dem ersten Treffer als neutralisiert gelten... Videodarsteller fallen um und Zielscheiben werden als getroffen markiert, wodurch in der Wahrnehmung des Trainierenden die Verknüpfung "Erster Treffer = Wirkungstreffer" verankert wird. In der bundeseinheitlichen Kontrollübung gemäß der PDV 211 findet sich dasselbe Prinzip wieder.

Auch der übertriebene "Hype" um die vor einigen Jahren flächendeckend in Deutschland eingeführte neue Einsatzmunition (Expansivgeschosse, namentlich RUAG Ammotec Action 4 und MEN PEP 2) hat nicht unwesentlich zu dieser Einschätzung der Wirksamkeit der eigenen Dienstwaffe beigetragen. Mir begegnen im täglichen Dienst regelmäßig Aussagen von Kollegen, die sinngemäß so lauten: "Wir haben doch jetzt die neue Mannstoppmunition, damit muß man doch sowieso nur ein- oder zweimal schießen, dann fällt der schon wegen der Schockwirkung um, egal wohin ich treffe."

In Wirklichkeit (und das beweisen Berichte aus dem tatsächlichen Einsatz aus aller Welt immer wieder aufs neue) verfügen Kurzwaffenkaliber lediglich über eine ziemlich unberechenbare und oftmals unbefriedigende Stoppwirkung, Geschoßform hin oder her. Und Legenden über irgendeine "Schockwirkung", die aus einer besonderen Geschoßform resultieren soll, sind eben nur das - nämlich Legenden. Ein Schock im medizinischen Sinne ist schlicht und einfach eine Unterversorgung des Gehirns mit Blut.

Diese kann (aus zielballistischer Sicht) durch einen massiven Blutverlust (hämorrhagischer Schock, ausgelöst durch eine Verletzung des Herzens oder der großen Blutgefäße) oder durch eine starke Erweiterung der Blutgefäße (neurogener/spinaler Schock, ausgelöst durch eine verletzungsbedingte Stimulierung des vegetativen Nervensystems) und ein dadurch bedingtes "Versacken" des Blutes im Körper verursacht werden.

Beide Varianten sind praktisch nicht sicher vorauszusagen. Auch Faktoren wie der körperliche und psychische Zustand und Drogen- oder Alkoholkonsum der betreffenden Person spielen eine Rolle. Hinzu kommt, daß selbst bei massivem Blutverlust durch eine Verletzung des Herzens oder der Bauchschlagader eine Handlungsunfähigkeit vermutlich frühestens nach Ablauf von zehn Sekunden eintreten wird... je nach Ausmaß der Verletzungen u.U. auch erst viel später. Insofern ist die Frage, wie oft man einen menschlichen Gegner tatsächlich beschießen muß, um eine Handlungsunfähigkeit zu erreichen, im Grunde ein Lottospiel, dessen Ergebnis nicht im Voraus berechnet werden kann.

Um mal ein Extrembeispiel zu liefern, möchte ich das hier geschilderte Ereignis anführen. Laut dem Obduktionsergebnis wurde der Täter 22-mal getroffen, davon allein 17-mal im Bereich der Oberkörpermitte. Bei den verwendeten Geschossen handelte es sich um .40 S&W Ranger SXT, die sowohl ein größeres Grundkaliber als auch bessere Expansionseigenschaften und eine größere Geschoßenergie als die Einsatzmunition deutscher Polizeibehörden aufweisen. Trotzdem blieb der Täter bis zum letzten Treffer aktionsfähig, setzte seinen Angriff auf den Polizeibeamten bis zu diesem Zeitpunkt fort und verstarb erst vier Minuten nach Ende der Auseinandersetzung.

Man kann also mit Sicherheit sagen, daß ein berechenbarer und sicherer "one-shot stop" mit einer Kurzwaffe außer durch einen direkten Kleinhirntreffer nicht zu bewerkstelligen ist (was in aller Regel technisch und taktisch nicht machbar sein wird). Tatsächlich wird man im Fall eines Schußwaffengebrauchs davon ausgehen müssen, daß zumindest eine nicht ganz unerhebliche Wahrscheinlichkeit besteht, daß eine Stoppwirkung nicht nach dem ersten Treffer eintritt und der Täter mehrfach beschossen werden muß.

Und diese Erkenntnis sollte sich auch im Training wiederspiegeln, indem die Übungen (und entsprechend auch die Programmierung der Schießanlage) so gestaltet werden, daß die Anzahl der Treffer, die für die Neutralisierung eines Ziels gefordert werden, variabel ist und mehr als einen einzigen umfassen kann. Ansonsten trainieren wir nämlich an der Realität vorbei - und zwar in einem Themengebiet, auf dem ebendas fatale Konsequenzen für uns haben kann.

Die Polizei, dein Feind und Gegner

Langsam scheint auch die Mainstream-Presse dahinter gekommen zu sein, daß sich die in meinem letzten Eintrag angesprochene zunehmende Gewalt auf unseren Straßen nicht nur als wahlloser Ausbruch von Aggression oder als langeweilebedingte Pöbelei von Halbstarken gegen ein zufälliges Opfer manifestiert, sondern sich auch zunehmend gezielt, planmäßig und mit hoher Intensität und krimineller Energie gegen Polizeibeamte richtet.

Zumindest läßt der gleichnamige Artikel bei SPIEGEL-Online diesen Schluß zu. Ich bin gespannt, ob die öffentliche Diskussion über dieses Thema irgendwann ein politisches Umdenken beim Thema "Innere Sicherheit" anstößt... namentlich über die Frage, ob man bei Einsatzmitteln, Personalstärke und Besoldung der Polizei nicht lieber deutlich mehr anstatt weniger investieren sollte. Besonders zuversichtlich bin ich (aus Erfahrung) allerdings nicht.

Mittwoch, 31. Dezember 2008

Guten Rutsch

2008 ist fast zu Ende, die Sonne des letzten Tages im Jahr geht gerade unter, die allermeisten Leute haben Feierabend und sitzen zuhause, während sie darauf warten, daß die Party anfängt, und einige Zeitgenossen bereiten sich auf den Nachtdienst vor... Zeit für einen kleinen Rückblick.

Das vergangene Jahr hat zumindest in der medialen Darstellung deutliche Akzente mit dem Thema "gewalttätige Straßenkriminalität" gesetzt. Ins Koma geprügelte Fahrgäste in öffentlichen Verkehrsmitteln, öffentlich ausgetragene Ausschreitungen zwischen Milieugruppierungen um die Vorherrschaft im Nachtleben, "happy slapping" auf Schulhöfen und Gangs von jugendlichen Intensivtätern in großstädtischen Problembezirken bestimmten die Berichterstattung und die öffentliche Diskussion.

Da die PKS-Zahlen für 2008 noch nicht veröffentlicht sind, läßt sich im Moment nicht sagen, ob die Aufmerksamkeit, die diesem Thema zuteil geworden ist, auch einen tatsächlichen zahlenmäßigen Anstieg wiederspiegelt. Allerdings indiziert die Entwicklung der letzten paar Jahre, daß dies durchaus der Fall sein könnte.

Zwar hat sich die Häufigkeitszahl (Anzahl der Straftaten im Verhältnis zur Bevölkerungsmenge) zwischen 2006 und 2007 insgesamt um 0,15 % verringert, allerdings ist die Anzahl der Gewaltdelikte meßbar (Körperverletzungsdelikte bsp. um 2,4 %) gestiegen und tut dies seit Jahren.

Weiterhin sind auch die Zahlen für Widerstandsdelikte seit Jahrzehnten kontinuierlich im Anstieg begriffen. 2007 waren es über 26.000 Fälle, was über die letzten zehn Jahre einen Anstieg im deutlich zweistelligen Bereich bedeutet. Und auch jenseits aller Statistiken berichten Polizeibeamte aus allen Teilen Deutschlands, aus Stadtstaaten und Flächenländern, aus Schwerpunktdienststellen und ruhigen Landrevieren, daß das Ausmaß an Gewalt, das ihnen bei der Durchführung ihrer Aufgaben entgegengebracht wird, immer mehr ansteigt.

In bestimmten großstädtischen Milieus ist es mittlerweile ein beliebtes Hobby, durch einen fingierten Notruf das Erscheinen eines Streifenwagens zu provozieren, dann im Schutz der Gruppe die verbale, aber auch körperliche Auseinandersetzung mit den Beamten zu suchen und die gesamte Szene mit einem Handy zu filmen. In zwei bekantgewordenen Fällen war im vergangenen Jahr auch eine Tötung der eingesetzten Beamten geplant.

Natürlich ist diese Entwicklung ein gesamtgesellschaftliches Problem, das weder Polizei noch Justiz sinnvoll lösen kann. Allerdings denke ich, daß die justizielle Bewertung von Widerstands- und Körperverletzungsdelikten maßgeblich dazu beigetragen hat, daß wir heute an diesem Punkt stehen. Wenn schwerste Gewalttaten, die bei den Opfern lebenslang bleibende Schäden hinterlassen, mit einer Bewährungsstrafe geahndet werden und gewalttätiger Widerstand gegen polizeiliche Maßnahmen regelmäßig mit einer Einstellung endet, fällt einfach das letzte bißchen Abschreckung weg, das unser Staat noch bieten kann.

Es ist kein Zufall, daß insbesondere Täter mit bestimmtem Migrationshintergrund regelmäßig der Polizei gegenüber offen aussprechen, "Wir haben keine Angst vor euch, denn uns passiert ja doch nichts." Diese Ausprägung der Rechtsprechung ist dem Bürger zunehmend nicht mehr zu vermitteln, weswegen unsere Glaubwürdigkeit im täglichen Dienst nicht nur gegenüber dem Täterklientel, sondern auch gegenüber den Opfern, dem gesetzestreuen Steuerzahler massiv leidet.

In diesem Sinne wünsche ich mir für das kommende Jahr


- für meine Kollegen und mich ein bißchen mehr Rückhalt in Politik, Justiz und Polizeiführung

- für unsere Richter und Staatsanwälte etwas mehr Einsicht in die Realitäten des Geschehens auf der Straße (regelmäßige Hospitationen auf einem Streifenwagen in einer beliebigen größeren Stadt in einem Wochenendnachtdienst sind da durchaus hilfreich)

- für unsere "Kundschaft" eine deutlich schnellere Aburteilung und spürbar härtere Sanktionierung

- und last but not least immer eine sichere und gesunde Heimkehr für alle diejenigen, die regelmäßig da draußen ihre Knochen riskieren - ihr wißt, wer ihr seid... bleibt in Form und bleibt sicher!


Das meiste davon kann ich leider nicht beeinflussen, aber ich werde auch im neuen Jahr wieder mein Möglichstes tun, um zumindest letzteres für mich selbst und meine Kollegen zu gewährleisten.


Guten Rutsch!!!

Donnerstag, 25. Dezember 2008

Feliz navidad

Frohe Weihnachten, liebe Leser... ich weiß nicht, wie ihr euer Weihnachtsfest verbracht habt, aber meins erinnerte mich etwas an das bekannte amerikanische Weihnachtslied "The 12 Days Of Christmas". Bei mir gab es


- einen unglückseligen Einbrecher (weil auf frischer Tat festgenommen)

- zwei Knöllchen für Verkehrsteilnehmer. die sich so sehr danebenbenahmen, daß sie selbst meine weihnachtliche Gnade verwirkt hatten

- drei Gramm Marihuana, die ein unachtsamer Discobesucher bei sich hatte

- vier Finger, die sich mein Kollege bei der Verfolgung des erwähnten Einbrechers aufschnitt, als er unglücklich landete

- fünf Kurven, durch die ich einem flüchtenden Fahrradfahrer hinterherfahren mußte, bevor er sich endlich auf die Nase legte (und alles für ein 20-Euro-Ticket)

- sechs Pfund, die ich beim Fräsen einer Schneise durch unser Weihnachtsdienstbuffet vermutlich zugenommen habe

- sieben Anzeigeerstatter (was treibt Leute dazu, ausgerechnet in der Heiligen Nacht die Polizei mit ihren privaten Problemen zu erfreuen?)

- acht Stunden, die ich der verprügelten Ehefrau maximal gebe, bevor sie ihn wieder in die Wohnung läßt

- neun blöde Sprüche auf ebensovielen Metern Disco-Schlange (warum halten sich Besoffene eigentlich immer für konkurrenzlos witzig?)

- zehn Verkehrskontrollen, ohne daß auch nur ein einziger Fahrer unter Stoff gestanden hätte

- elf Mitstreiter, die sich mit mir den Weihnachtsabend um die Ohren geschlagen haben

- zwölf Stunden Nachtdienstzeit für Zuschläge, für die in der freien Wirtschaft nicht mal eine ungelernte Hilfskraft aufstehen würde


Merry Christmay, y'all!

Montag, 22. Dezember 2008

Scharfe Gewalt

Wenige Tage nach dem Mordversuch an Herrn Mannichl in Passau ist auch in Berlin wieder ein Polizeibeamter niedergestochen worden. Da das Opfer kein "hohes Tier" und der Täter kein Rechtsextremist war, ist das Medienecho interessanterweise um ein Vielfaches geringer. Anscheinend gehört es für die Öffentlichkeit zum Berufsrisiko eines Polizisten, sich abstechen zu lassen, wenn der Betreffende auf der Straße arbeitet und keine höhere Führungsposition innehat.

Der Täter wurde zusammen mit einem Komplizen von einem Anwohner dabei beobachtet, wie er eine Kamera aus einem abgestellten Fahrzeug entwendete und anschließend in eine Wohnung ging. Als die eingesetzten Streifen nach erfolglosem Klingeln und Klopfen die Tür aufbrachen, stach der Täter dem ersten Zivilfahnder, der die Wohnung betrat, mehrfach mit einem Messer in die Brust, bevor er überwältigt und festgenommen werden konnte. Der Kollege ist mittlerweile zum Glück außer Lebensgefahr.

Diese Episode zeigt wieder einmal, wie sehr unsere "Kundschaft" auch schon bei banalsten Anlässen bereit ist, mit brutaler Gewalt gegen Polizeibeamte vorzugehen. Weiterhin zeigt sie aber auch, welches Gefahrenpotential bei Einsätzen in beengten, unübersichtlichen Umgebungen (wie es Wohngebäude in aller Regel sind) immer im Hintergrund lauert.

Und sie macht deutlich, daß eine Schußwaffe ein Einsatzmittel ist, das man nicht nur als weit entlegene Option für einen wie auch immer gearteten "sowieso nie eintretenden" Weltuntergangsfall mit sich herumtragen sollte, sondern ständig und jederzeit so handhaben sollte, daß es in ungeklärten Einsatzlagen mit Konfliktpotential (also praktisch in jedem einzelnen Routineeinsatz) binnen kürzester Zeit reaktionsschnell zum Einsatz gebracht werden kann. Und das impliziert, daß man die Waffe je nach Lage nicht erst dann zieht, wenn es zu spät ist und man bereits hinter die Reaktionskurve zurückgefallen ist, sondern sie unter Umständen schon vorher präventiv in Bereitschaft hält.

Samstag, 20. Dezember 2008

Home, sweet home

Im bayerischen Passau ist ein Polizeibeamter niedergestochen und schwer verletzt worden. Das Opfer ist Polizeidirektor Alois Mannichl, Leiter der Polizeidirektion Passau. Der Täter ist bislang noch nicht bekannt (zumindest was die Öffentlichkeit angeht), wird aber augenscheinlich der rechtsextremen Szene zugerechnet. Zumindest wird dies durch die Täterbeschreibung und die Tatsache, daß der Täter das Opfer bei der Tatausführung als "linkes Bullenschwein" beschimpft haben soll, indiziert. Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen verwendete der Täter ein Brotmesser, das das Opfer selbst für Gäste und Nachbarn im Eingangsbereich seines Hauses bereitgelegt hatte.

Herr Mannichl hat in seiner Tätigkeit als Leiter der PD Passau u.a. maßgeblich dadurch von sich reden gemacht, daß er unter Einbindung der Ressourcen seiner Dienststelle auf energische Art und Weise gegen rechtsextreme Bestrebungen und Strukturen in seinem Zuständigkeitsbereich vorgegangen ist und weder privat noch dienstlich die Konfrontation mit diesem Klientel gescheut hat.

Die vereinten Stimmen aus den Medien und der politischen Landschaft zeigen sich betroffen und schockiert darüber, daß die militante Rechte offensichtlich inzwischen nicht mehr davor zurückschreckt, gewaltsam und mit Tötungsabsicht gegen exponierte Vertreter des "Systems" vorzugehen. Und diese Sorge ist zweifelsohne berechtigt und angebracht.

Was ich persönlich jedoch mindestens ebenso bedeutsam finde und was vor allem nicht nur eine herausgehobene Symbolfigur wie Herrn Mannichl betrifft, sondern viele tausende unbekannte Polizeibeamte in ganz Deutschland, ist die Tatsache, daß der Angriff auf ihn nicht im Dienst, im Kontext eines Einsatz oder im Umfeld seiner Dienststelle geschehen ist, sondern zuhause im Bereich seiner privaten Lebensführung. Vertreter einer gewalttätigen und kriminellen Subkultur haben den ernsthaften Versuch unternommen, einen Polizeibeamten auf der Schwelle seines eigenen Hauses zu töten.

Nicht jeder von uns befindet sich in einer derart prominenten Position wie Herr Mannichl... tatsächlich führen die allermeisten von uns ein relativ unspektakuläres Leben und beschäftigen sich dienstlich mit ziemlich normalen und wenig herausstechenden Vorgängen. Wir sollten uns aber ab und zu daran erinnern, daß diese Tatsache nicht zwangsläufig bedeutet, daß uns niemand etwas Böses will.

Jeder Polizeibeamte, der einige Jahre Diensterfahrung hat, ist schon mal von seinem Gegenüber bedroht worden. In aller Regel handelt es sich dabei um leeres Gerede und bloßes Imponiergehabe, und so gehen die meisten Kollegen auch damit um. Wir dürfen aber eins nie vergessen: unser polizeiliches Gegenüber besteht zu einem nicht geringen Anteil aus habituellen Gewalttätern, die regelmäßig vollkommen irrationale Dinge tun, ohne auch nur ansatzweise daraus zu lernen. Unprovozierte Gewalt gegen Polizeibeamte und ihre Familien auszuüben, mag für den kühlen Rechner eine vollkommen unlogische Entscheidung sein... aber es gibt trotzdem Leute in den diversen kriminellen Milieus, für die ein derartiges Vorhaben durchaus eine bedenkenswerte Idee darstellt. Und es hat immer wieder Fälle gegeben, in denen versucht wurde, diese Ideen in die Tat umzusetzen.

Wir müssen akzeptieren, daß jeder einzelne von uns in dem Moment, in dem er in unsere Firma eintritt, sich selbst eine Zielscheibe auf den Rücken malt. Das ist ein unvermeidlicher Teil des Jobs. Wir schulden es aber unseren Familien, Freunden und uns selbst, daß wir dieses Risiko ernstnehmen und es nicht einfach mit einem Achselzucken abtun. Das bedeutet, daß wir auf die Möglichkeit vorbereitet sein sollten, daß jemand, mit dem wir dienstlich zu tun haben, eine Verbindung zwischen unserem beruflichen und unserem privaten Lebenm herstellt.

Und ganz konkret heißt es, gewohnheitsmäßig mißtrauisch zu sein... die Gegensprechanlage zu benutzen, durch den Türspion zu schauen, eine Sicherheitskette vorzulegen, sich beim Betreten und Verlassen seines Heims umzuschauen, sich seiner Umgebung bewußt zu sein, und auch im privaten Bereich Verteidigungsmittel bereitzuhalten. Das kann z.B. bedeuten, seine Dienstwaffe nach Feierabend nicht auf der Dienststelle einzuschließen, sondern sie mit nach Hause zu nehmen.

Und es heißt weiterhin, einem potentiellen Täter nicht auch noch ein perfektes Tatmittel an derjenigen Stelle des Hauses bereitzulegen, an dem er mit der höchsten Wahrscheinlichkeit auf uns treffen wird.